de
it en
Ein Wecker um fünf Uhr ist der Tod.
08. September 2026
geschrieben von Concierge um 14:00
hemingway-01
hemingway-02
hemingway-03
hemingway-04
hemingway-05
hemingway-06
hemingway-07
hemingway-08

Hätte Hemingway, der wohl bessere Autor, diesen Artikel geschrieben, er hätte den Tag genau dort begonnen. Beim Wecker um fünf. Beim leisen Tröpfeln eines leichten Regens, der für jeden Bauern Gefahr im Verzug bedeutet. Bei tauben Händen. Bei den Früchten der Arbeit. Und geendet hätte er in einem unendlich langen Absatz über die Vorzüge eines klaren, leicht lieblichen Rieslings aus dem Donaubecken, mit metallischem Anklang, gegenüber einem mineralischeren, ruppigeren Weißen, einem kräftigeren Gelb aus den Bergen.

Ich bin nicht Hemingway. Und um ehrlich zu sein: Auch einige Stunden später war ich noch so müde, dass mir kein einziger Satz und keine Beschreibung wie von Hemingway gelungen wäre.

In Südtirol helfen wir uns unter Nachbarn immer gern. Und für eine Speckmarende machen wir eigentlich alles. Auch dieses Jahr hat es den Sommelier aus seinem kühlen Keller getrieben, um dem Baron Vorberg bei seiner Lese zu helfen. Es musste schnell gehen: Für den Abend war Regen angesagt, und das saubere, schöne Traubenmaterial, bereits ausgereift, hätte auch einen kleinen Schauer über das Wochenende wohl nicht überstanden. Man hilft sich also im Dorf, auch wenn das heißt: früh aufstehen.

Eigentlich ist der Baron kein Baron, und wenn, dann ein sehr armer, mit seiner kleinen Anlage. Wie klein genau? Über Hektar spricht man nicht. Sagen wir es so: Die Lese war schon nach einem Tag eingeholt.

Baron haben wir also geklärt. Woher aber Vorberg? Der Vorberg, besser bekannt als der „guate“ Weißburgunder der Kellerei Terlan, ist der Berg, an dessen Fuß die Anlage des Barons liegt. Relativ warm, gut von der Sonne verwöhnt, die vielleicht beste Weinlage in Vilpian. Natürlich heißt der Baron Vorberg nicht Baron Vorberg. Und eigentlich nennt ihn niemand so. Doch irgendwie passt der Name. Die Vorstellung, die man sich von dieser Person macht, passt besser als jede Beschreibung.

Wieso dann aber Chardonnay, wo der Berg doch für Weißburgunder berühmt ist? Das sollte man eigentlich keinem Südtiroler sagen: Die besseren Weine macht eben leider der Chardonnay. Er ist die noblere Rebsorte, der Weißburgunder die bäuerlichere.

Ein solches Arbeiten im Weinberg ist fast eine Freude. Die Trauben waren von einer solchen Qualität, besser wäre nur gewesen, sie hätten sich von allein „gewimmt“ (gewimmt, südtirolerisch von wimmen, ernten). Schade eigentlich; wie gesagt, die Bauern finden immer etwas, worüber sie sich aufregen können.

Denn größtenteils folgen wir Rhythmen, die wir uns selbst vorgeben: den Takten der Busse und der Bahn, den Fristen, die wir einzuhalten haben, ob im Amt oder bei der Arbeit, den Reservierungen im Restaurant. Und auch wenn es Erdbeeren eigentlich nur im Sommer gibt, im Supermarkt gibt es sie das ganze Jahr über. Bei all den Annehmlichkeiten und Schwierigkeiten unseres täglichen Lebens lässt sich leicht vergessen, dass die Natur anderen Rhythmen folgt. Wie oft erwischen wir uns dabei, über das schlechte Wetter zu schimpfen? Wie oft sehnen wir uns im Winter nach dem Sommer und in diesem Sommer nach dem Winter?

In der Landwirtschaft gibt der Mensch den Rhythmus an, gesteuert wird er aber immer noch von der Natur. Der Mensch kann so lange von phenolischer, aromatischer und physiologischer Reife sprechen, wie er will, am Ende gibt die Natur das Erntefenster vor. Und zum hundertsten Male, damit es jeder hört: Der Klimawandel ist längst hier. Reifer Chardonnay im August, das sind die Verhältnisse eines Sommers, dessen Bilder sich fest in unsere Köpfe gebrannt haben.

Südtirol hatte Glück, anders lässt es sich nicht beschreiben. Die Qualität der Trauben: hervorragend. Der Bauer hat immer die Veranlagung, sich zu beschweren. Sollte er es auch dieses Jahr wagen, so kann er gerne nach Bordeaux blicken: 40 Grad im Juni, Waldbrände im Juli.

Nach einem solchen Jahr würde ich vorschlagen, dass wir die Lese hernehmen und uns glücklich schätzen. Natürlich kann ich nicht für alle Anlagen in Südtirol sprechen. Dem lieben Baron muss ich aber ein Kompliment aussprechen: Wer über das Jahr sauber und gepflegt gearbeitet hat, konnte sich heuer über eine Qualität freuen, die nicht selbstverständlich ist.

Die Früchte unserer Arbeit, oder in diesem Fall die Trauben dieses Jahres, machen den Wein des nächsten Jahres. Wie er schmecken wird, erfahren wir erst im Jahr darauf. Doch über das bange Warten tröstet uns die Gewissheit, dass die Früchte des letzten Jahres den Wein machen, den wir gerade trinken.

Sie sind nun eingeholt. Bei mir bestehen keine Zweifel daran, dass der Wein, der uns erwartet, jede Mühe und jeden Schweißtropfen dieses Jahres wert war. Und während andere Rebsorten noch ausstehen, kann ich über den Chardonnay des Barons sagen: ausgezeichneter Jahrgang. Wer weiß, vielleicht ein Jahrhundertjahrgang.

Sparerhof OHG