Wir sind ein Hotel der Reichen und Berühmten. Reich woran? An Freude? Und berühmt wahrscheinlich für die Witze unseres Concierge. Wir sind ein Luxushotel, aber der Luxus ist gegangen, und geblieben ist ein Hotel.
Der Herbst ist ganz plötzlich gekommen. Und das ganze Tal hat sich in Gelb, Rot und Braun gekleidet. Es ist nicht kalt und nicht warm. Es ist windig, und die Sonne scheint auch noch. Noch liegt kein Schnee, in den Bergen vielleicht bald: Machen wir uns auf den Weg, bevor der erste Schnee fällt.
Der Concierge hat wieder einmal die öffentlichen Verkehrsmittel genutzt. Abfahrt um 10:00 Uhr nach einem reichhaltigen Frühstück (Caffè Americano). Von der Rezeption aus, mit dem Handy und reichlich Gigabyte mobiler Daten, die Telefonleitung des Hotels immer dabei, jederzeit erreichbar. In Erwartung des Anrufs der Reichen und Berühmten. Vielleicht rufen sie ja an, wer weiß?
Armer Concierge! Wenn die Reichen ihre Bentleys und Rolls-Royces haben, hat der Concierge einen Mercedes. Einen Mercedes mit 40 Sitzplätzen, der mit Chauffeur kommt und mit einem Ticket, das nur einen Bruchteil der Leasingrate eines neuen Mercedes kostet und für jeden Gast im Aufenthalt inbegriffen ist. Heute ja, heute fühlt sich der Concierge in der Welt der Reichen und Berühmten!
Der Bus 202, Verzeihung, der Mercedes, ist pünktlich auf die Minute und bringt uns durch die Apfelwiesen – die letzten Äpfel dieser Saison werden genau in diesem Moment geerntet – bis nach Nals; weiter geht es durch die Weinberge nach Andrian, bevor wir in Terlan aussteigen. Die Trauben sind schon im Keller.
Terlan, Ziel Hafling. Wir steigen in den Mercedes Nr. 204 (oder ist es vielleicht ein IVECO?). Kehre um Kehre, langsam, ganz langsam. Das Etschtal zu unseren Füßen. Die Etsch in ihren üblichen Farben, und das ganze Tal gelb, rot, orange.
Die ersten Gipfel schon in Sicht! Im Handumdrehen erreichen wir den „Egger“, unsere Haltestelle, von wo aus der Weg Richtung Knottnkino startet. Auf der anderen Seite des Ausgangspunkts liegt eben der „Egger“, ein bäuerliches Gasthaus. Die Wanderung hat keine Eile. Wir halten an für einen „Aperitif“ aus Weißwein und einem atemberaubenden Panoramablick.
Nach einer kurzen Pause geht es weiter Richtung Knottnkino. Wir kommen an die Abzweigung, wenige hundert Meter vom „großen Freiluftkino zwischen Himmel und Erde“ entfernt. Leider macht sich heute, bei einem blau gemalten Himmel, der Andrang der Leute bemerkbar, die Lust auf den neuen Film haben – in Wahrheit ein alter, und immer derselbe. Manchmal in Schwarz-Weiß wie heute, manchmal in Farbe.
Was ist ein Knottnkino? Ist es mehr Kino oder mehr Knotten? Knotten bedeutet im Südtiroler Dialekt Fels. Aber man sieht keine Stars, kein Tom Cruise, keine Penelope Cruz, kein Tom Hanks. Man sieht Berge, Felsen, Knotten. Und vielleicht ist es genau das, was wir nicht jeden Tag sehen können. Es ist nicht wie Netflix, es kostet nichts, es scheint gratis zu sein, zur Verfügung gestellt für uns Arme, einfache und „normale“ Menschen. Wenn wir uns auf die Sessel des Knottnkinos setzen, haben wir vielleicht ja einen Moment Ruhe. Penelope Cruz springt uns nicht an, der eine Tom muss nicht die Welt retten und der andere nicht rennen, wenigstens für einen Augenblick. Vielleicht ist das Knottnkino weniger Kino und mehr Knotten. Aber vielleicht ist genau das, was uns in unserer heutigen Zeit fehlt.
Und wer sehen will, wie das Knottnkino aussieht, schaut in unsere älteren Blogs:
Tickets und Pop Corn?
Knottenkino im Schnee
Wir lassen das Knottnkino links liegen und gehen am Wald entlang weiter Richtung Hafling. Wir kommen an ein Tor, das sowohl eine Einfahrt für Autos als auch einen Durchgang für unseren Weg hat und zu einem Hotel führt, das très chic ist. Keine so bescheidene Unterkunft wie die des schreibenden Concierge. Die Stille wird nur von einem Auto mit großem Hubraum gestört, dann von noch einem. Der Concierge erblickt eine Dame gewissen Alters mit einem kleinen Hündchen. Gäste dieses Hotels? Fernsehstars?
Wer ist diese Dame mit dem Hündchen? Der Concierge grübelt. In seinem Kopf laufen die Bilder der letzten Filme der letzten 30 Jahre ab. Nein. Ist sie vielleicht eine Gräfin? Gekleidet wie eine echte Adelige, wird sie Ländereien, Weinberge und Olivenhaine besitzen, ihre Hand wird von fernen Edelmännern geküsst worden sein. Aber wer weiß, wie sich eine echte Gräfin heutzutage kleidet? Ziehen die sich nicht an wie wir? Vor allem, wenn sie mit dem Hund rausgehen? Wer weiß?
Nach etwa zehn Minuten durch den Wald kommt noch ein Tor! Wo das Auto anhalten musste, um den Pass zu bekommen. Der Concierge hat diese VIP-Gäste immer noch nicht erkannt. Oder war es vielleicht ein Kollege des Concierge, der eine Dame mit ihrem Haustier abgeholt hat?
Der Concierge muss weitergehen. Der Weg führt noch durch den Wald, über ein paar Weiden, bevor er das Dörfchen Hafling erreicht. An der Bushaltestelle viele Leute. In Hafling viele Touristen, gut gekleidet, viele schicke Leute. Der Concierge und Gattin in nicht schicker Kleidung. Wie kommt's? Im Vergleich zur mutmaßlichen Gräfin: underdressed. Im Vergleich zu den vielen Hotels der Spitzenklasse in diesem Ort ist auch das Hotel, in dem der Concierge arbeitet, underdressed. Alle Hotels verkaufen das „Entschleunigen“. Luxushotels. Der Concierge nimmt den Bus um Punkt 16:00 Uhr, um in seinen Alltag zurückzukehren, der weitergeht. In seinem Hotel, nicht Luxus und nicht Spitzenklasse, halten ihn die unbeantworteten Mails fit. Die Arbeit wartet auf ihn.
Am Abend kocht die Wirtin dem Concierge eine Gerstensuppe, mit vielen Erinnerungen an das Hochgebirge. Der wahre Luxus ist nicht der Kaviar, nicht der Champagner, nicht einmal James, der Butler, der den Reichen ihren Kaviar und Champagner serviert. In Wahrheit findet der Luxus für den Concierge eine einfache Definition.
Er ist unvergleichlich. Der Concierge hat das Entschleunigen nicht in Hafling gefunden. Aber er findet es hier. In einer heißen Suppe. Wenn der Concierge pustet, um seine Suppe abzukühlen, ist er bestimmt zufrieden und glücklich. Müde, aber auch zufrieden.
Vielleicht ja, wir sind ein Luxushotel. Nicht weil unsere Gäste reiche und berühmte Stars sind, sondern weil am Ende des Tages eine heiße Suppe und ein gemachtes Bett auf uns warten.
Der Concierge isst seine Suppe gern auf und würde sie gegen nichts eintauschen. Weder gegen Champagner noch gegen Kaviar. Noch würde er sein Hotel gegen ein Luxushotel tauschen. Es ist schon ein Luxushotel. Kein Luxus-, aber ein Hotel.
Stay tuned!